GP 09.06.07
Der Popschreiner mit zwei linken Händen
Auf der Jagd nach einem alten Demotape fand Per Gessle, 48, ein Lied, das er als 19jähriger schrieb.
-Wir nahmen es live auf, ein bemerkenswertes und magisches Gefühl, sagt er.
Das Lied, Min Hälsning, wurde aus Gyllene Tiders Debütalbum gestrichen, weil es nicht ins Konzept passte. 29 Jahre später schließt es die neue Platte ab, ein Album, dem der Popschreiner Per Gessle den Titel „En händig man“ gegeben hat.
-Das klingt gut, obwohl die, die mich kennen, lachen, weil sie wissen, das ich im Großen und Ganzen zwei linke Hände habe.
Wir treffen uns in Göteborg nach einer TV-Aufnahme und schlendern hinaus in den reinen Hochsommer, die Zeit, die für viele einen direkten Zusammenhang mit Per Gessles Musik hat. Er erzählt, das die Lieder für das neue Album sich vor einem Jahr in seinem Kopf zu melden begannen.
-Ich saß auf dem Balkon in Halmstad als das erste kam. Das ist ungefähr so, wie es passiert. Sie klopfen an und wollen raus. Für mich ist das eine Art Zeichen dafür, dass ich bereit bin zu arbeiten. Ist das Gefühl das richtige, pflegt die Fortsetzung recht schnell zu gehen.
Bis dahin hatte Per eine Periode mentaler Müdigkeit.
-Es gab eine Leere nachdem ich meine Jugend aufgearbeitet hatte – meine musikalisches Erwachsenwerden in Form des Doppelalbums Son of a Plumber. Ich bin unerhört glücklich darüber, die platte erscheint als das beste, was ich je gemacht habe, aber sie verbrauchte gleichzeitig einen großen Teil Energie.
Im September im letzten Jahr hatte er ein Bündel Lieder, die er mit sich ins Studio in Skåne nahm. Beim Treffen mit den übrigen Mus(i)ketieren, Christoffer Lundquist und Clarence Öfwerman, begann das Album Formen anzunehmen. Eine Arbeit, die vor einem guten Monat abgeschlossen wurde.
-Wir funktionieren nach wie vor gut zusammen, es ist entspannt, kreativ und inspirierend.
Christoffer und Clarence sind musikalisch geschickte und begabte Männer, die meine manchmal diffusen Ideen Wirklichkeit werden lassen. Ich weiß, wie ich will, dass sie klingen sollen – aber nicht immer, wie ich dahin komme.
Die Platte enthält 14 Lieder –drei von ihnen tauchten auf und kamen im Studio zustande. Keine Demos, keine kritischen Filter, sondern direkt so.
-Die Lieder durften sich bis zum Mixen ausruhen, ich guckte sie mir nicht mal an. Ein bisschen verrückt, so habe ich es noch nie zuvor gemacht. Das Heftige war, dass wir fanden, dass sie den ganzen Weg packten.
Außer dem Album gibt es eine EP mit weiteren vier Lieder. Aber der Popmillionär versichert, dass die Auflage nicht aus geschäftsmäßigen Gründen zustande kam.
-Es geht eher um humanitäre Gründe, Sorge um den Hörer. Ein Album sollte ungefähr 40 Minuten lang sein – nicht 50, wie es gewesen wäre, wenn alle auf der Platte gelandet wären. Die EP besteht jedoch nicht aus Abfall, sondern aus Liedern, die aus unterschiedlichen Gründen nicht hinein passten.
Und wie sich das für einen Plattenfreak, wie Per Gessle einer ist, gehört, wurde das Album auch als klassische LP gepresst.
-Vinyl und Innentasche .... ich konnte es nicht lassen.
Er sagt, dass das Ganze, der Aufbau aller Details, wichtig für ihn ist. Er will Konrolle haben über das, was er macht und herausgibt. Das führt dazu, dass es die gibt, die Per Gessle als Pedanten bezeichnen und er sagt, dass er damit leben kann. Aber für ihn geht es darum, alles so groß und so gut wie möglich zu machen, nicht dem Zufall zu überlassen.
-Ich will diese Platte in zehn Jahren hervorholen und sagen können, dass ich mit dem Resultat zufrieden bin. Zumindest, dass ich damals alles getan habe. Das ist eine Erklärung dafür, warum die Bilder in der Produktion, aufgenommen in Portugal vom Meisterfotograf Anton Corbijn, genauso viel kosten durften, wie es gekostet hat, die Platte zu machen...
In einem knappen Monat, dem 11. Juli, ist Tourneepremiere in Örjans vall in Halmstad. Eine Songliste gibt es noch nicht.
-Ich will das wir mit offenen Sinnen in die Proben gehen und uns vor spielen zu dem, was am besten wirkt. Manche Lieder funktionieren live einfach nicht und dann ist es dumm in einer Tagesordnung eingeschlossen zu sein. Aber aus der Hüfte geschossen wird es wohl ein Drittel Gyllene Tider, ein Drittel Mazarin und ein Drittel vom geschickten Mann werden. Vielleicht schlagen wir auch noch mit einem Cover zu.
In einer Abendzeitung ist von einem tendenziell schlechten Verkauf berichtet worden. Kommentare?
-Bevor die platte auch nur herausgekommen ist, haben wir über 16000 Tickets für die Premiere verkauft, das ist nicht so schlecht. Aber es ist klar, zieht man Vergleiche mit Gyllene Tiders 25-Jahrstour vor drei Jahren, wirkt es vielleicht so. Aber das war eine ganz andere Sache, ein ganz anderer Zugang, andere Arenen. Die Gt-Tournee verkaufte fast eine halbe Million Tickets. Verglichen damit, geht das meiste schlecht.
Ein bisschen beleidigt?
-Nein, aber ich finde, man muss die richtige Perspektive haben. Viele, die auf Tour gehen, haben im Schnitt vielleicht 4000 Personen im besten Fall.
Vergleiche das Vorher-Gefühl mit der Mazarin-Reise.
-Die Tournee war unnormal, entstand mehr oder weniger an einem Abend und wurde wer weiß wie schön. Diese Tournee ist normal im Hinblick auf die zeitliche Planung. Ob das gut oder schlecht ist, weiß ich nicht.
Fühlst du Druck?
-In meinem Fall gibt es immer einen gewissen Druck von außen, weil immer Vergleiche gezogen werden. Aber das ist nichts, wogegen ich etwas tun könnte. Wir können nur unser Bestes tun. Dann darf es kommen wie es kommt.